Seufz. Seufz. Seufz. Wie oft darf deine Protagonistin im Roman seufzen?

Mikrogesten und Action Beats (nicht nur) beim Schreiben von Dialogen

Zwei weiße 3D-Figuren sitzen sich in grünen Sesseln gegenüber und unterhalten sich mit Handgesten

Ein Dialog besteht nicht nur aus Worten: Auch die Hände reden mit (Bild von Peggy und Marco Lachmann-Anke auf Pixabay)

Kennst du das? Dass deine Heldin schon wieder seufzt? Vielleicht stöhnt oder schnaubt sie auch, kurz bevor oder nachdem sie Luft holt.

Dabei ist sie keine Asthmatikerin. Vielmehr ist sie Opfer einer Gewohnheit. Denn viele Autorinnen und Autoren nennen, sobald ein Dialog eine Pause braucht, die nächstbeste Körperreaktion. Das Ergebnis ist ein Ensemble aus Figuren, das unentwegt schnaubt, blinzelt, leer schluckt, sich umdreht und die Lippen zusammenpresst.

In diesem Beitrag denke ich darüber nach, was diese kleinen Einschübe eigentlich sind, warum sie so verführerisch sind und wie du sie beim Schreiben deiner Dialoge auf eine Weise einsetzt, dass sie deinem Roman nutzen, statt ihn zu verstopfen.

Dialoge schreiben: Warum brauchen wir überhaupt Einschübe?

Ein Dialog, der nur aus wörtlicher Rede besteht, wirkt schnell wie ein Pingpongspiel, bei dem man nach drei Wechseln nicht mehr weiß, wer gerade spricht. Außerdem fehlt der Ton: Ob ein „Schon gut“ versöhnlich, resigniert oder eisig gemeint ist, verrät der Satz allein oft nicht (manchmal aber schon; je nachdem, wie sich der Kontext darstellt).

Die kleinen Einschübe zeigen, wer spricht, sie verlangsamen das Tempo, schaffen Atmosphäre, wecken Vorstellungen und Assoziationen beim Leser, sorgen ggf. für Orientierung und vor allem deuten sie eine Emotion an, ohne sie beim Namen zu nennen. Das entspricht genau dem Rat, den du in jedem Schreibratgeber liest: Show, don‘t tell.

Wenn Show aber zur Formel wird, weil deine Figuren ständig seufzen, zeigt der einzelne Seufzer gar nichts mehr. Im besten Fall wird er überlesen, im schlimmsten Fall wird er bemerkt (und als Wiederholung erkannt).

Was sind Action Beats?

Wenn du dich mit Dramaturgie beschäftigt hast, kennst du den „Beat“ als Baustein der Handlung. Robert McKee versteht darunter die kleinste Einheit einer Szene, bei der sich durch den Wechsel von Aktion und Reaktion das Verhältnis zwischen den Figuren verändert. Im Rahmen von Blake Snyders „Beat Sheet“ sind Beats die Stationen eines ganzen Plots, vom Ausgangsbild über Auslöser, Midpoint, dunkelsten Moment, Finale bis zur Auflösung und dem Abschlussbild (mehr zu Blake Snyders Beats und seinem Plotmodell findest du in diesem Blogartikel).

Bei Renni Browne und Dave King („Self-Editing for Fiction Writers“) sind die „Action Beats“ hingegen kurze Handlungs- oder Körperbeschreibungen, die einen Dialog unterbrechen. Im Deutschen werden diese Action Beats (oder auch Dialogue Beats) oft wahlweise als Handlungseinschübe, Begleithandlungen oder Regieanweisungen im Prosatext bezeichnet.

In diesem Blogbeitrag meine ich also, wenn ich von „Action Beats“ schreibe, die Einschübe im Dialog.

Mikroexpressionen, Mikrogesten, Action Beats: eine kleine Typologie

Allerdings bezeichnen die „Action Beats“ eine Funktion im Text. Sie meinen immer den Einschub, der den Dialog unterbricht. Mikroexpressionen und Mikrogesten bezeichnen dagegen die Art der beschriebenen Körpersprache. Sie werden also zum Action Beat, wenn sie zwischen Rede und Gegenrede stehen.

Im Folgenden möchte ich dir das kurz aufschlüsseln:

Mikroexpressionen: Was im Gesicht passiert

Mikroexpressionen sind unwillkürliche Gesichtsausdrücke, die eine Emotion verraten (oft eine, die die Figur eigentlich verbergen will). Dazu gehören:

  • Sie presste die Lippen zusammen.
  • Er blinzelte.
  • Sie runzelte die Stirn.
  • Ihre Augenbrauen zogen sich zusammen.

Mikrogesten: Was der Körper verrät

Mikrogesten sind kleine, oft unwillkürliche körperliche Reaktionen.

Die erste Gruppe betrifft den Atem und Laute wie:

  • Er seufzte.
  • Sie stöhnte.
  • Er schnaufte.
  • Sie schnaubte.
  • Sie sog scharf die Luft ein.
  • Er atmete hörbar aus.
  • Er schluckte (wahlweise hart oder leer).

Eine zweite Untergruppe sind Kopf- und Blickbewegungen. Sie sind i. d. R. bewusster und werden entsprechend in der Kommunikation absichtlich eingesetzt, um dem Gegenüber etwas Bestimmtes zu signalisieren:

  • Sie schüttelte den Kopf.
  • Er nickte langsam.
  • Er sah zur Seite.
  • Er sah sie lange an.

Action Beats im engeren Sinn: Handlungen und Pausen

In der dritten Gruppe fasse ich solche Einschübe zusammen, die sich nicht mehr als Mikrogesten bezeichnen lassen, weil sie zu „groß“ sind. Es handelt sich um Bewegungen im Raum und erzählte Pausen:

  • Er drehte sich ein letztes Mal um.
  • Sie schwiegen eine Weile.
  • Er hob die Hand.

Die Grenzen zwischen diesen Gruppen sind fließend.

Junge Frau ruft durch ein Megafon, zwei junge Männer halten sich lachend die Ohren zu

Wenn die Körpersprache zu laut wird: Zu viele Mikrogesten übertönen den Dialog (Bild von Sasin Tipchai auf Pixabay)

Das Elend mit den Mikrogesten im Roman

Alle oben genannten Wendungen sind sprachlich einwandfrei. Erst die Häufung macht aus ihnen ein „Problem“ für den Roman. Weil sie schon millionenfach Verwendung gefunden haben, hat sich ihre Bedeutung abgeschliffen. Leser registrieren sie kaum noch als Bild, ohne dass dabei klar würde, für welches Gefühl sie eigentlich stehen. Denn ein Seufzer kann Erschöpfung, Erleichterung, Ungeduld, Sehnsucht, Herablassung und wahrscheinlich noch alles mögliche andere bedeuten. Und wenn jede Figur schluckt, blinzelt und nickt, ist keine Figur mehr durch ihre Reaktionen von der anderen unterscheidbar.

Wie oft darf eine Figur seufzen?

Auf diese Frage habe ich natürlich keine allgemeingültige Antwort. Aber im Idealfall seufzt eine Figur eben nur dann, wenn durch das Seufzen etwas Spezifisches über die Figur in genau der Situation ausgedrückt wird. Wenn sie also nicht seufzen würde, würde etwas fehlen.

Bei der Überarbeitung kannst du dich meist einfach fragen:

Könnte dieser Satz in jedem beliebigen Roman (und in zahlreichen, austauschbaren Situationen) stehen?

Ist die Antwort „ja“, kannst du Folgendes tun:

  1. Streich den Satz und prüfe, ob der Dialog ohne ihn funktioniert.
  2. Ersetze den Satz durch eine konkrete, spezifische Handlung, die nur diese Figur in dieser bestimmten Situation ausführen würde.
  3. Streich den Satz und überarbeite die Rede selbst auf eine Weise, dass sie genau den Ton zeigt, den du vermitteln willst.

Ich möchte dir anhand eines Beispiels zeigen, was ich meine. Sieh dir folgenden Dialog an:

„Du hast es ihm erzählt?“ Frank sog scharf die Luft ein.

Steffi schluckte und sah zur Seite. „Ich hatte keine Wahl.“

Frank schüttelte den Kopf und schnaubte. „Immer dieselbe Ausrede. Jedes einzige Mal.“

In der folgenden Fassung habe ich versucht, die Emotionen der beiden Figuren durch ihre Handlungen zu zeigen:

„Du hast es ihm erzählt?“

Steffi spürte, wie Franks Blick sie fixierte, als er das sagte. Aber schlimmer war, dass seine Stimme sich in die Höhe schraubte. Kein gutes Zeichen. Ein Hinweis, dass er gleich die Kontrolle verlieren würde. Schon wieder. Steffi räumte den letzten Teller in die Spülmaschine, nahm den Schwamm und schrubbte damit über einen vermeintlichen Fleck auf der Arbeitsfläche. „Ich hatte keine Wahl.“ Besonders überzeugend klang das nicht.

Im nächsten Augenblick riss Frank ihr den Lappen aus der Hand. Sie spürte seinen Atem auf ihrem Gesicht, als er schrie: „Immer dieselbe Ausrede. Jedes einzige Mal.“

Das Wischen zeigt, dass Steffi Franks Blick ausweicht, ohne dass ich erwähnen muss, dass sie „zur Seite“ sieht. In der ersten Version ist nicht klar, ob Frank enttäuscht oder sauer oder vielleicht auch zornig ist, als er schnaubt und Steffi die immerselbe Ausrede unterstellt. Ich habe mich in der überarbeiteten Version dafür entschieden, dass er schon richtig geladen ist. Natürlich muss ich zugeben, dass ich mich nicht bremsen konnte und statt der Action Beats noch ein paar Gedanken Steffis hinzugefügt habe, die ihre personale Perspektive unterstreichen, sodass Leserinnen unwillkürlich in ihre Wahrnehmung eintauchen. Franks Wut wird dann natürlich durch sein Schreien deutlich, aber auch dadurch, dass er Steffi den Lappen aus der Hand reißt und dass er ihr so nahe kommt, dass sie seinen Atem spürt.

Mikrogesten gezielt einsetzen

Wenn du Mikrogesten sehr gezielt einsetzt, können sie eine starke Wirkung haben. Ihren Effekt können sie vor allem in folgenden Fällen entfalten:

  • wenn eine Mikrogeste dem Gesagten widerspricht. Denn wenn deine Figur erklärt, dass es ihr gut gehe, sie dabei aber die Lippen zusammenpresst, wird die Leserin aufmerksam.
  • wenn jede deiner Figuren ihre eigenen Gesten hat, die genau zu ihrer Biografie und zu ihrem Körper passen. Diese Gesten sollten dann wirklich auch nur jeweils einer Figur vorbehalten sein, damit die Figuren sich auch durch ihre Mikrogesten unterscheiden.

Lektorat für deinen Roman

Die eigenen Gewohnheiten zu erkennen, ist schwer. Man hat den Text zu oft gelesen, und der Blick gleitet über die vertrauten Wendungen hinweg. Genau hier setzt ein Lektorat an.

Als Lektorin arbeite ich mit Autorinnen und Autoren an ihren Romanmanuskripten. Dabei schaue ich nicht nur auf Seufzer und Kopfschütteln, sondern prüfe auch, ob die Figuren eine eigene Stimme haben und ob der Rhythmus zwischen Rede, Handlung und Pause stimmt. Du bekommst von mir konkrete Anmerkungen am Text und Vorschläge, wie du deine Dialoge präziser und lebendiger machst.

Wenn du wissen möchtest, wie oft deine Figuren seufzen dürfen, schreib mir. 

Hier erfährst du mehr über mein Lektorat.

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