Kann KI beim Romanschreiben helfen?
Als Lektorin zeige ich dir, woran man KI-generierte Texte erkennt und was ein menschliches Lektorat für deinen Roman leisten kann.

Schreibst du noch?
Oder lässt du schreiben?
Lektorat für deinen Roman/ Bild von Techmanic auf Pixabay
Wie KI-generierte Texte klingen
Als freie Lektorin begegne ich der Versuchung, beim Romanschreiben auf KI zurückzugreifen, inzwischen fast täglich.
Denn: Es ist so einfach. So naheliegend. So selbstverständlich.
Na? Merkst du schon was?
Mir fällt so was inzwischen sofort ins Auge. Denn ChatGPT liebt den Dreiklang aus Ellipsen, die sich in der Satzstruktur wiederholen. Oder er nutzt gleich Ein-Wort-Sätze:
Sie sah ihn an und lachte. Frech. Herausfordernd. Gefährlich.
Das ist so eine typische KI-Zeile, die anhand von Adjektiven eine ähnliche Aussage dreimal variiert, ohne dass ich als Leserin danach wirklich mehr wüsste.
Natürlich verstehe ich den Autor. Er sitzt vor seinem Computer und weiß nicht, wie er eine Szene schreiben soll. Oder was die Protagonistin an dieser Stelle sagen soll. Wie die Situation bis zum Midpoint eskalieren kann. Wie er genau dieses eine Gefühl ausdrücken soll.
Und schon ist es geschehen: Einmal bei Claude oder ChatGPT eingegeben und schon spuckt die KI das schönste druckreife Material aus. So sieht es zumindest auf den ersten Blick aus.
Aber tut sie das wirklich?
Ich arbeite auch als Fernlehrerin für Deutsch und korrigiere in diesem Rahmen zum Abitur führende Deutscharbeiten über Dramen und Kurzgeschichten. Seit vermehrt KI zum Einsatz kommt, verstehe ich zahlreiche der bei mir eingereichten Deutscharbeiten plötzlich nicht mehr. Sie sind in druckreifem Deutsch geschrieben, aber sind dabei so allgemein und vage formuliert, dass sie sich oft einer klaren Bedeutung entziehen. Ein weiteres Merkmal dieser Texte ist ihre innere Widersprüchlichkeit (d. h. es wird an einer Stelle etwas behauptet und dieser Behauptung wird an anderer Stelle (ggf. auch nur implizit) widersprochen). Oft wirkt es so, als hätte jemand mit abstrakten Begriffen hantiert, ohne sie zu verstehen und ohne sie idiomatisch korrekt einsetzen zu können. Nach der Lektüre einer solchen Klausur weiß ich oft nicht, was eigentlich darin stand. So was ist mir bei menschlichen Texten, wie fehlerhaft sie auch sein mögen, noch nie passiert.
Auch als Lehrerin in der Romanwerkstatt und als Lektorin habe ich es inzwischen oft mit KI-generierten Texten zu tun (oder zumindest mit solchen, die unter Zuhilfenahme von KI erstellt worden sind).
Ist die Frage erlaubt, warum man einen Roman schreiben will, wenn man nicht bereit ist, das zu tun, was das Romanschreiben nun mal ausmacht: das Schreiben?
Das delegiert man einfach an ChatGPT.
Aber das eigentliche Problem ist: Man merkt es den Manuskripten an. Denn in literarischen Texten passiert etwas Ähnliches wie das, worüber ich gerade bzgl. der Deutschklausuren geschrieben habe: KI- generierte Texte entziehen sich dem Verständnis.
Denn oft gibt es vage Andeutungen, die man nicht greifen kann, und Allgemeinplätze, die bedeutungsschwanger klingen, die sich aber, wenn man sie näher ansieht, um den konkreten Sinn zu fassen, entziehen. Als Leserin habe ich dann das Gefühl, durch viele Worte zu gehen, ohne festen Boden unter den Füßen zu haben.
Was eigentlich menschlich erfahrbar sein sollte, fühlt sich dann mehr wie ein Konstrukt voller Andeutungen und rhetorischer Fülle an, das sich für ein (Lese)Erleben nicht öffnet.
Was diesen Texten fehlt, ist das ehrliche und ganz individuelle Gefühl der Figuren, das nur für sie (und nur in dieser Situation) gilt und das ruhig auch mal roh, unausgegoren, ambivalent und „eckig“ (und von mir aus auch ungeschickt formuliert) – eben durch und durch menschlich – sein darf. Wenn das in einem Text Platz haben darf, atmet er Leben. Grammatische Fehler, solche des Satzbaus oder unidiomatische Wendungen sind mir persönlich lieber als Austauschbarkeit, Glätte und Inhaltsleere.
Ähnliches gilt für die Formulierungen. Wenn ich stundenlang über so einem KI-Text sitze, sehne ich mich in all der glatten, seelenlosen Perfektion nach Fehlern, nach Kanten, nach echten Gefühlen, nach Formulierungen, die ich so noch nie gehört habe, nach der Lebendigkeit der Sprache.
Ein Beispiel aus der Praxis für einen KI-generierten Text
Die folgenden Sätze begegnen mir so oder so ähnlich inzwischen fast täglich:
Sie hielt die Tasse in den Händen. Länger als nötig. Als könnte sie damit den Moment festhalten, in dem noch nichts entschieden war.
Oha! Das klingt ja gut! Auf so was wäre ich nie im Leben gekommen. Das atmet Rhythmus und deutet irgendwie auf irgendwas hin. Man weiß zwar nicht so richtig, worauf, aber Hauptsache es klingt bedeutungsschwanger. Man muss ja nicht so genau hingucken.
Denn sonst fällt einem wahrscheinlich Folgendes auf: Man erfährt nichts über diese Frau. Nichts über den Moment, nicht welche Entscheidung ansteht. Und überhaupt … : Warum ausgerechnet eine Tasse?
Der Satz passt in einen x-beliebigen Krimi ebenso wie in einen Familienroman, zu einer Frau kurz vor oder kurz nach einer Trennung, zu einer Prostituierten so gut wie zu einer siebzigjährigen Jungfrau, zu einer Managerin vor einem Vorstellungsgespräch oder nachdem sie beschlossen hat, ihren Geliebten zu töten.
Eine Autorin, die ihre Figur wirklich kennt, wird konkret. Ganz spontan, ohne dass ich lange überlegt hätte, ist bei mir, rein assoziativ, folgender Absatz entstanden (nachdem ich mich kurz gefragt habe, von wem der Brief sein könnte und warum die Figur ihn nicht öffnen will):
Der Tee war längst kalt und schmeckte bitter. Sie trank ihn trotzdem. Auf dem Küchentisch lag noch immer der Brief. Die kleine, strenge Schrift, in der ihre Adresse geschrieben war, hätte sie nicht wiedererkannt. Doch der Absender auf der Rückseite war eindeutig. Warum schrieb er ihr jetzt? Warum nach all den Jahren? Warum überhaupt? Dieser Mann, den sie früher Papa genannt hatte, obwohl er sich nie wie einer verhalten hatte. Dieser Tyrann, der sie gezüchtigt und in Angst und Schrecken versetzt und ihr jeden einzelnen Tag bis zu ihrem zwölften Jahr zur Hölle gemacht hatte. Sie war überzeugt davon, dass er Schuld trug an den Gedanken, über die sie mit niemandem sprach. Nicht mal mit ihrer Therapeutin. An diesen Fantasien, die sie wie aus dem Nichts überwältigten. Bei der Arbeit im Büro. Im Gespräch mit einer Freundin. An der Kasse im Supermarkt. Wenn sie nachts im Bett lag – übrigens immer allein. Seit dem Tag, an dem sie zu Hause ausgezogen war.
Seit Stunden lag der Umschlag unberührt auf dem Tisch. Sie nahm einen weiteren Schluck Tee, ihr Mund zog sich zusammen. Sie würgte und für einen Moment glaubte sie, sie müsse den Tee ausspucken. Ihr Blick glitt zurück zum Brief. Dann zum Papierkorb.
Das klingt vielleicht weniger elegant. Hier gibt es das eine oder andere zu überarbeiten. Aber man erfährt etwas über die Figur. Und vielleicht gelingt es einem so, den Leser neugierig auf die Frau, von der hier die Rede ist, zu machen. Denn sie hat eine Persönlichkeit und offenbar sehr tiefe, menschliche Erfahrungen gemacht und Leid erfahren. Vielleicht möchte der Leser wissen, warum sie den Brief nicht öffnen will und ob sie ihn schließlich wegwerfen wird. Vielleicht will er wissen, warum der Vater sich nach all den Jahren meldet und was das für Fantasien sind, die die personale Erzählerin an der Supermarktkasse überwältigen. Und im Idealfall wird er deshalb weiterlesen. Um all das in Erfahrung zu bringen.
Um fair zu sein, habe ich ChatGPT mal mit all den Informationen gefüttert, die in meinem menschlichen Text vorkommen. Ich wollte der KI so viel Wissen geben, wie in meinem Text steckt. So lautete meine Arbeitsanweisung:
„Schreib mir einen Absatz für einen Roman. Die Heldin hat einen Brief von ihrem Vater bekommen, der nun auf dem Küchentisch liegt. Sie trinkt Tee und erinnert sich daran, dass ihr Vater sie früher verprügelt hat und sie große Angst vor ihm hatte, bis sie zwölf war. Sie will den Brief nicht öffnen. Deshalb trinkt sie den Tee als Verzögerungstaktik. Der Tee ist inzwischen bitter und kalt. Die personale Erzählerin denkt darüber nach, dass ihre Fantasien, für die sie sich schämt, sicher von den negativen Kindheitserfahrungen mit ihrem Vater herrühren.“
Und das hat ChatGPT daraus gemacht:
Der Brief lag auf dem Küchentisch, weiß und reglos, als könnte er warten, bis sie nachgab. Sie hob die Tasse an die Lippen, obwohl der Tee längst kalt und bitter geworden war, und trank trotzdem. Hauptsache, sie musste den Brief noch nicht öffnen. Bis zwölf hatte sie sich vor ihrem Vater gefürchtet, vor seinen Schritten im Flur, vor dem Tonfall, der sich veränderte, kurz bevor es geschah. Jetzt war er weit weg, und doch genügte sein Name auf dem Umschlag, um etwas Altes in ihr zum Leben zu erwecken. Vielleicht, dachte sie, kamen daher auch diese Fantasien, für die sie sich so sehr schämte – aus all dem, was sie als Kind über Nähe, Angst und Macht gelernt hatte. Der Gedanke beruhigte sie nicht. Er machte nur aus der Scham etwas, das sich erklären ließ, ohne dass sie wusste, ob sie das wollte. Sie stellte die Tasse ab. Dann sah sie wieder auf den Brief.
Fällt dir an diesem Text etwas auf? Lies ihn dir vielleicht noch mal in Ruhe durch und überlege, was daran gelungen und was verbesserungswürdig oder eben „typisch KI“ ist.
Mir springt sofort ins Auge, dass alles, was dieser Szene Substanz gibt, aus meiner Arbeitsanweisung stammt. ChatGPT hat nichts hinzugefügt, was ich nicht geliefert hätte. Wo die KI eigene Formulierungen findet, greift sie auf die vagen, bedeutungsschwangeren Formulierungen zurück, die nach mehr klingen, als sie aussagen: Der Brief liegt da, „als könnte er warten“ (ganz abgesehen davon, dass die „Reglosigkeit“ eines Briefes kaum der Erwähnung wert ist, denn seit wann laufen Briefe herum?), etwas Altes wird „zum Leben erweckt“, und die Fantasien rühren aus dem, was die Heldin „über Nähe, Angst und Macht“ gelernt hat. Das klingt psychologisch und tief und zeigt genau …: Nichts. Typisch für KI ist auch, dass die Figur sich selbst erklärt und analysiert. Am Ende stellt sie die Tasse ab und sieht wieder auf den Brief. In meiner Version wandert ihr Blick zum Papierkorb, sodass man ahnt, was gleich geschehen könnte. Bei ChatGPT kehrt die Szene dorthin zurück, wo sie begonnen hat.
Warum KI-generierte Texte so klingen
ChatGPT und Claude (und wie sie alle heißen) erzeugen Text, indem sie berechnen, welche Formulierung mit hoher Wahrscheinlichkeit auf eine andere folgt. Dabei sollte man nie vergessen: Es sind Maschinen.
Daher haben sie keinerlei menschliche Erfahrung, haben sich nie verliebt, mussten niemals Liebeskummer ertragen, standen nie vor dem Grab eines geliebten oder verhassten Menschen, haben sich niemals an jemandem gerächt oder rächen wollen, wissen nicht, was es heißt, sich einem anderen Menschen hinzugeben, wie es sich anfühlt, eine Ohrfeige zu bekommen, zu frieren, Fieber zu haben, nicht schlafen zu können, voller Vorfreude zu sein, enttäuscht zu werden, Jahrzehnte in einem Beruf zu arbeiten, der einen nicht interessiert, gelobt oder kritisiert zu werden. Usw. Usf.
Und daher verstehen diese Maschinen weder deine Figuren, noch wissen sie, was deine Protagonistin mit zwölf Jahren erlebt hat, wie es sich angefühlt hat und noch heute anfühlt, dass ihr Vater sie verprügelt hat, und wie die Scham ob ihrer Fantasien in ihr brennt und sie hemmt.
Und weil die KI all das nicht weiß, reiht sie harmlose Wörter zu harmlosen Sätzen aneinander, die irgendwie immer passen. So kommt es zu Andeutungen, Allgemeinplätzen und zu rhetorischer Fülle und Wiederholung bei inhaltlicher Leere.
Wo KI (trotzdem) helfen kann
Ich will nicht so tun, als sei jede Berührung mit KI des Teufels. Sie kann bei der Recherche helfen (wobei man jede Angabe tunlichst genau überprüfen sollte, denn die Systeme täuschen sich oft und erfinden Informationen auch manchmal). Sie kann dir in einem Zwiegespräch helfen, dich deiner Figur zu nähern oder die Dramaturgie zu schärfen.
All das habe ich selbst ausprobiert. Und dabei ist mir eines aufgefallen, das mir andere Autoren bestätigen und dessen sich jeder bewusst sein sollte, der mit KI arbeitet: Wenn du eine KI um Feedback zu deinem Manuskript bittest, wird die Antwort wahrscheinlich freundlicher ausfallen, als der Text es verdient. Denn die KI neigt dazu, ihrem Gegenüber zuzustimmen. Und das ist für einen Roman, der besser werden soll, nicht die ideale Voraussetzung 😉
Was ein menschliches Lektorat für deinen Roman leisten kann
Als Lektorin bin ich eben gerade keine Maschine, sondern ein Mensch. Ich merke, an welcher Stelle mir der Atem stockt, ich Gänsehaut bekomme oder einen Satz ungläubig zum zweiten oder dritten oder vierten Mal lese. Ich merke, wo und warum ich einer Figur ihr Handeln nicht abnehme, wo ich den Faden verliere, etwas überfliege, weil ich das Interesse verliere, und wo ich von Entwicklungen enttäuscht werde. All das kann ich benennen, begründen, dir zeigen, woran es im Text liegt, und dir Vorschläge für Veränderungen machen.
Fazit: Schreib selbst!
Ja, auch die schwierige Szene. Oder vielleicht gerade die. Denn genau darüber steigst du tiefer in deinen Text ein und machst ihn wahrhaftiger. Das Gleiche gilt für die Figur, zu der du einfach keinen Zugang finden willst. Oder für den einen Satz, den dein Protagonist am Ende des Midpoints sagen muss – und an dem du schon seit Wochen herum überlegst.
Letzten Endes lohnt es sich, diese Stunden des Haderns, des Zweifelns und manchmal auch der Verzweiflung auszuhalten. Und du kannst gewiss sein: Eine rohe, unfertige Szene, die aus deiner eigenen Auseinandersetzung mit der Figur stammt, ist für mich als Lektorin ein besseres Ausgangsmaterial als jede noch so perfekte KI-polierte Passage.
Wenn du gerade einen Roman schreibst und dir eine ehrliche, dabei konstruktive und genaue Rückmeldung wünschst, melde dich gern hier bei mir.
