Show, don‘t tell im Roman: drei Übungen für deinen Text

 

 

 



Show, don´t tell — muss das wirklich sein?

Ja, es muss sein 😉

Weniges streiche ich als Lektorin in Romanen so oft an wie erklärende oder behauptende Formulierungen, die Lesern klarmachen, was die Figuren fühlen oder wie es ihnen geht — ohne dass dabei irgendwas von der Emotion sich auf mich als Leserin übertragen würde. Ähnlich häufig sind wohl nur unbeholfene Dialoge — oft weil sie lebensecht sind (und das funktioniert im literarischen Text meist nicht). Aber die Dialoge sind ein anderes Thema für einen anderen Blogartikel.

Es ist keinesfalls so, dass man im Roman nie etwas explizit benennen darf. Es gibt sehr wohl Gelegenheiten, bei denen man auch mal einfach erklären, behaupten, zuordnen darf. Aber solche direkten Zuschreibungen können nur wirken, wenn sie eher die Ausnahme bleiben.

Viele Autorinnen und Autoren tun sich mit dem „Showing“ erstaunlich schwer.

Denn es klingt zwar einleuchtend, dass man zeigen, nicht erklären soll, aber viele Schreibende fragen mich, wie genau das gehen soll: Wie sorgt man dafür, dass Leser nicht nur informiert, sondern emotional gepackt werden? Als Lehrerin in der Romanwerkstatt und als Lektorin für Romane begegne ich dieser Herausforderung täglich. Dabei kann man die Fähigkeit des „Showing“ im Grunde ganz einfach trainieren.

Drei Übungen, die dir helfen, in deinem Roman zu zeigen, statt zu erklären

Im Folgenden stelle ich drei Übungen vor, die du beim Schreiben deines Romans selbst anwenden kannst.



Übung 1: Übersetze Gefühle in Gesten, um vom „Tell“ zum „Show“ zu gelangen.

Statt Gefühle zu benennen, lasse sie durch beobachtbare Handlungen sichtbar werden.

  • Aufgabe: Arbeite mit dem folgenden Satz:

„Als Emma aus ihrem Versteck sah, wie er die Hand der fremden Frau nahm, brach eine Welt für sie zusammen.“

Schreibe eine kurze Szene, in der du Emmas Gefühle durch das zeigst, was sinnlich wahrnehmbar ist, während du diese Wahrnehmung zugleich durch ihre Gedankenwelt unterfütterst.

 

Beispiel „Show“:

Als er sich umdrehte, sprang Emma hinter den Baumstamm. Zentimeter um Zentimeter schob sie ihren Kopf vor, spähte am Stamm vorbei und sah, wie er die Hand der Blondine nahm. Er lachte. Der Geruch des frisch gemähten Grases stieg in ihre Nase, wie letzten Sommer, als er nicht weit von hier zum ersten Mal ihre Hand genommen hatte. Dann hatte er sich vorgebeugt, sie meinte wieder, seine Lippen auf ihren zu spüren. Wenige Meter von ihr entfernt senkte er jetzt den Mund auf den der Blondine. Emma schloss die Augen, lehnte den Rücken an den Baumstamm und glitt zu Boden. Sie packte ins frisch gemähte Gras. Dann legte sie ihren Kopf in beide Hände und schmeckte das Salz ihrer Tränen.

 

  • Warum es wirkt: Das abgegriffene Bild von der zusammenbrechenden Welt wird in physische Aktionen übersetzt (hinter den Baum springen; spähen; das Lachen des Mannes; Emmas Zusammensinken; ihre Hand, die ins Gras packt; der Kopf, den sie in die Hände legt; ihr Weinen), in die sich Emmas Innenwelt msicht (hier in Form der Erinnerung an die erste Berührung und den ersten Kuss des Mannes). Die Leserin schließt davon dann selbst auf das Gefühl, das so ungleich intensiver wirkt.


Übung 2: Ersetze wertende Adjektive durch konkrete Bilder.

Adjektive wie „schön“ oder „schrecklich“ sind Urteile. Auch zahlreiche andere Adjektive („geheimnisvoll“, „sonderbar“, „atemberaubend“ usw.) labeln und sind dabei wenig aussagekräftig, weil sie so viel Raum lassen. Immerhin sagen sie der Leserin aber, was sie denken soll. Beim Romanschreiben geht es jedoch darum, ein konkretes Bild zu schaffen und mit diesem den Eindruck zu zeigen, der zu diesem Urteil führt.

  • Aufgabe: Arbeite mit dem folgenden Satz:

 

„Vor ihnen tat sich eine verwunschen wirkende Lichtung auf.“

Nun beschreibe den Ort, indem du jedes wertende Adjektiv streichst und es durch eine sachliche, detaillierte Beschreibung ersetzt.

Beispiel „Show“:

Durch die Blätter fielen Sonnenstrahlen, als sie zwischen den Bäumen auf eine Wiese traten. In der Mitte der Lichtung stand, von Efeu fast verschlungen, eine Bank, in deren Lehne Symbole, fremde Zeichen, geschnitzt waren.“

 

  • Warum es wirkt: Wenn du so vorgehst, wird das Adjektiv „verwunschen“ überflüssig. Hier erzeugen die konkreten Bilder (Sonnenstrahlen, Wiese, Bank mit Efeu und Schnitzereien) die Stimmung, ohne dass es einer Erklärung bedürfte. Zugleich sorgt das Bild, das wiederum Assoziationen weckt, dafür, dass die Situation im Gedächtnis der Leserin haften bleibt.

 



Übung 3: Verankere innere Zustände an der physischen Welt. Lass dabei also Gefühle und Gedanken, die unsichtbar sind, außen vor.

  • Aufgabe: Nehmen wir das Beispiel von Emma, die oben ihren Freund mit einer anderen Frau gesehen hat.

Finde nun ein Objekt, mittels dessen symbolisch ihre Gefühle verdeutlicht werden. Es geht darum, Emmas Reaktion zu verdeutlichen: In ihre Verzweiflung mischt sich Wut. Im folgenden Beispiel wähle ich als Objekt zur Verdeutlichung ein Medaillon (das sie von ihrem Freund geschenkt bekommen hat).

Beispiel „Show“:

Sie griff nach dem Anhänger, der an der Kette um ihren Hals hing. Das Medaillon war glatt, warm von der Sonne und ihrer Haut. Sie zerrte so heftig an der Kette, dass sie zerriss und ein brennender Schmerz über ihren Nacken fuhr. Emma presste das Medaillon gegen ihre Wange. Dann holte sie aus und warf es ins Gras.“

 

  • Warum es wirkt: Die abstrakte Wut wird in eine konkrete, sinnliche Erfahrung übersetzt; Emmas Zustand wird physisch erfahrbar gemacht. Zudem liegt im Zerstören und Wegwerfen der Kette bereits der nächste Schritt: Emma befreit sich (symbolisch) aus der Beziehung.

 

 

Probiere diese Übungen beim Schreiben an deinem Roman aus. Sätze, die Gefühle benennen oder Urteile beinhalten, lassen sich wie in den obigen Beispielen in bildhafte Formulierungen umwandeln. Frage dich dabei:

Was sieht, hört oder fühlt meine Figur stattdessen konkret?

Die Antwort auf diese Frage kann der Schlüssel zu mehr Lebendigkeit im Roman sein.

Als Lektorin für Romane ist es eine meiner Aufgaben, auf solche Stellen, die vor allem Information liefern, aufmerksam zu machen. Ich helfe dir, bildhafte Alternativen zu finden, die deine Geschichte unmittelbar erfahrbar machen.

 

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