Beispiel 1: Der gelungene Einstieg in den Roman – Nelio Biedermanns „Lázár“
Nelio Biedermann, Autor des 2025 erschienenen Romans „Lázár“. Sein kunstvoller Romananfang ist ein Beispiel für einen gelungenen Einstieg im Upmarket-Bereich und zeigt, wie man Neugier weckt. (Bild: User:Celestinesucess (CC BY-SA or GFDL), via Wikimedia Commons)
„Am Rand des dunklen Waldes lag noch der Schnee des verendeten Jahrhunderts, als Lajos von Lázár, das durchsichtige Kind mit den wasserblauen Augen, zum ersten Mal den Mann erblickt, den es bis über seinen Tod hinaus für seinen Vater halten wird. Es war der Tag der drei Könige – der Wald schluckte das letzte trübblaue Licht. Das Zimmer, in dem der Junge geboren wurde, lag im Westflügel des Waldschlosses, gleich neben dem blaugestrichenen, das nie jemand betrat. Während die Hebamme in seinem Rücken das Kind wusch, stand Sándor von Lázár am Fenster und suchte das Unterholz ab. Es war ihm, als hätte er etwas im Dickicht verschwinden sehen.“
(Nelio Biedermann: Lázár, 2025)
Dieser Romananfang deutet vieles an und ist ein exzellentes Beispiel für einen gelungenen Einstieg in einen Upmarket-Roman. Er spricht Leserinnen an, die eine literarische Sprache schätzen und offen für eine Handlung sind, die sich in mehreren Strängen entfaltet.
Neugier durch Rätsel: Durch und durch rätselhaft und voller Andeutungen, weckt dieser Romananfang Neugierde: Von welchem Jahrhundert ist die Rede – und warum ist es „verendet“? Denn dass etwas „verendet“ heißt ja mehr, als dass es einfach zu Ende geht, oder nicht? Die Assoziation eines elendig sterbenden Tieres steckt darin. Weiter geht es: Was ist ein „durchsichtiges“ Kind? Neben seiner „Durchsichtigkeit“ sind es die wasserblauen (auch in diesem Wort steckt die Idee der Transparenz) Augen und der klangvolle Name, die es besonders machen. Hinzu kommt der Mann, der im Folgenden Sándor genannt wird, den das Kind für seinen Vater halten wird – und zwar über dessen Tod hinaus. In diesem allerersten Satz, in dem das Kind geboren wird, ist somit zugleich vom Tod die Rede, also von den beiden Punkten die das Leben bedeuten: vom Anfang und vom Ende, sodass hier schon die ganze Weite, die in dieser Geburt liegt, mitgedacht wird. Diese Ambivalenz zwischen Anfang und Ende schafft eine enorme Tiefe.
Atmosphäre statt Info-Dump: Aber die Andeutungen nehmen kein Ende: Dann ist die Rede von einem Waldschloss (was für sich geheimnisvoll klingt) und von einem anderen Flügel als dem Westflügel, in dem das Kind geboren wurde: Diesen anderen Flügel betritt „nie jemand“. Warum nicht? „Etwas“ ist im Dickicht verschwunden. Was bedeutet das? Welche Rolle wird dieses „Etwas“ für die Geschichte und für das soeben geborene Kind spielen? Neben diesen Andeutungen sind es die Bilder und die Atmosphäre, die durch die Wortwahl entstehen: Hier werden geschickt Adjektive zur Beschreibung herangezogen — dabei auffallend die Anhäufung von „blau“ in Variationen: wasserblau, trübblau,blaugestrichen — , wobei das Blau sich in das (mitgedachte) Weiß des Schnees und das ebenso mitgedachte Grün des Waldes mischt. Assoziationen von Märchen, Winterstille, Geheimnis, Rätsel, Bedeutsamkeit, Schatten, die diese Geburt vorauswirft.
Regeln brechen, um zu gewinnen: Ein kunstvoller Romananfang, der zeigt, dass man sich über die (ungeschriebenen, aber oft geteilten) Regeln des kreativen Schreibens (z. B. so wenige Adjektive wie möglich) hinwegsetzen kann — wenn man es denn kann. Die Dichte an Adjektiven funktioniert hier, weil sie der Stimmung dient und nicht aufzählt.
Beispiel 2: Der misslungene Einstieg – Lucinda Rileys „Die Frauen von Ballymore“
Lucinda Riley, Upmarket-Autorin Familiensaga und historischer Roman. Ihr posthum veröffentlichtes Frühwerk „Die Frauen von Ballymore“ zeigt Herausforderungen beim Romananfang auf und macht deutlich, dass ein professionelles Lektorat entscheidend sein kann.(Bild: Unnamed photographer for Cappelen Damm publishers, Oslo, CC BY 4.0, via Wikimedia Commons)
„West Cork, Irland, April 1964 Ballymore schmiegte sich an die zerklüftete Küste von West Cork. Wenn an grauen, düsteren Wintertagen vom Atlantik unerbittlich die Stürme hereinfegten, waren seine rosafarben, gelb und blau bemalten Häuser ein aufmunternder Anblick. Die eineinhalbtausend Einwohner waren an Regen gewöhnt, der auch einmal drei Monate ununterbrochen fallen konnte.“
(Lucinda Riley: Die Frauen von Ballymore, 2025)
Ganz anders hingegen wirkt der Romananfang mit der Adjektivhäufung bei Lucinda Riley. Ein Einstieg über Landschaft und Klima kann aussagekräftig sein. Hier sorgt jedoch die Häufung der peinlich genauen Adjektive für Ermüdung. Man hat den Eindruck, die Autorin wolle dem Leser auf jeden Fall ganz genau vermitteln, wie der Ort aussieht. Nur geht diese Genauigkeit, die schon an eine Aufzählung erinnert („bloß nichts vergessen!“), auf Kosten der Stimmung, die nicht entsteht.
Im Grunde sind es klassische Anfängerfehler:
Häufung wenig aussagekräftiger Adjektive: „Zerklüftet, grau, düster, rosafarben, unerbittlich, gelb, blau, aufmunternd“. Die Liste ist lang und erzeugt keine Atmosphäre. Es ist ein weiteverbreiteterIrrtum, dass durch die Reihung von Adjektiven und durch möglichst präzise Beschreibung Bilder erzeugt werden. Das Gegenteil ist der Fall: Ein Bombardement an Adjektiven sorgt dafür, dass man sich erschlagen fühlt. Viel wirkungsvoller sind sprechende Verben. Die Autorin aber sagt uns in diesem Einstieg, was wir sehen sollen, aber nicht, wie es sich anfühlt.
Zu lange Exposition: Die Leserin wird mit Informationen über Einwohnerzahl und Klimadaten bombardiert, bevor sie auch nur eine einzige Person kennengelernt hat, für die sie sich interessieren könnte.
Info-Dump: Der Absatz liest sich wie ein Eintrag in einem Reiseführer. Es ist pure Information — ohne jede Emotion. Dies erschwert den Zugang zum Roman.
Warum ist das bei diesem Romananfang Lucinda Rileys so? Die Autorin ist bekannt für ihre Mischung aus historischem Roman, Familiensaga, Gesellschaftsroman und Liebesroman, die klar dem Upmarket-Segment zuzuordnen sind. Autoren wie Biedermann oder auch die spätere Riley selbst beweisen, dass dieses Genre bestens funktionieren kann. Doch „Die Frauen von Ballymore“ istposthum (in Deutschland 2025) erschienen und stammt aus Rileys Frühphase der 90er-Jahre. De Roman wurde von ihrem Sohn überarbeitet. Es ist also sehr wahrscheinlich, dass die Schwächen im Stil und in der Struktur auf diese Entstehungsgeschichte zurückzuführen sind. Es handelt sich um ein unfertiges, frühes Werk, das von fremder Hand überarbeitet worden ist.
Fazit für das Lektorat und für alle, die schreiben
Beim Schreibenvon Romanen ist der Anfang zwar nicht alles, aber viel: Er ist das Versprechen an den Leser. Schon hier wird ein „Vertrag“ zwischen Autorin und Leserin geschlossen. Biedermanns „Lázár“ schafft mit Rätseln, Atmosphäre und einer präzisen Sprache eine Welt, in die man eintauchen will. Rileys „Die Frauen von Ballymore“ lässt uns durch das Übermaß an Information und Beschreibungen vor der Tür ihrer Welt stehen.
Für jede Lektorin von Romanen und für jede Autorin ist klar: Ein starker Anfang ist das Fundament, auf dem alles Weitere aufbaut.