„Show, don’t tell“: vom Erzählen zum Fühlen
Als Lektorin sehe ich in Manuskripten von Liebesromanen immer wieder Sätze (oder ganze Szenen), in denen Autorinnen den Zauber und den Schmerz der Figuren zu benennen versuchen, statt ihn anzudeuten. Damit nehmen sie der Szene genau das, was die Emotionen fühlbar macht: Unmittelbarkeit und Direktheit. Anstatt Assoziationen durch subtile Gestik und Andeutungen Raum zu lassen, wird benannt, beschrieben, erklärt, behauptet und gelabelt.
Literarische Kraft aber entsteht oft gerade im Schweigen (des Erzählers) und in der Spannung zwischen dem, was gesagt wird, und dem, was unausgesprochen im Raum steht. Viele Autorinnen — so scheint mir — fürchten, die Leserin könnte sie nicht verstehen, wenn die Emotionen und Gedanken nicht explizit benannt werden. Doch in diesem Bemühen, die Emotionen auf den Punkt zu bringen, geht oft das Wesentliche verloren: der Zauber, die Sehnsucht und der schmerzhafte Reiz des Ungesagten.
Daher möchte ich an Autorinnen appellieren:
- sich selbst zu vertrauen, dass sie die essentiellen Aussagen und Gefühle über Gestik, Mimik, körperliche Reaktionen und sinnliches Empfinden transportieren können.
- der Leserin zuzutrauen, dass sie diese indirekten Elemente verstehen und für sich einordnen kann.
Ich möchte dies an einem (selbst erfundenen) Beispiel deutlich machen:
- In diesem Satz wird behauptet: Sie war so verliebt, dass sie sich in seiner Gegenwart sowohl glücklich als auch unendlich unsicher fühlte.
Hier wird benannt (sie ist verliebt, sie fühlt sich in seiner Gegenwart glücklich und unsicher). Die Emotion wird also „vorgekaut“ und die Leserin ist passive Empfängerin. Viel wirkungsvoller lässt sich das ausgestalten, wenn der Zustand (des Verliebtseins) und die widerstreitenden Gefühle in individuellen Bildern gezeigt werden:
- In diesen Sätzen werden die Gefühle gezeigt und erlebt: Sobald er den Raum betrat, fror ihr der Atem in der Kehle, während die Hitze in ihr Gesicht flammte. Ihre Finger suchten die Kette am Hals — und fielen hinab, wenn sein Blick sie traf.
Hier darf die Leserin mitfühlen, da die Emotion durch körperliche Reaktionen gezeigt wird. Der Gegensatz (glücklich und verunsichert) wird durch das Paradoxon (Atem in der Kehle gefriert vs. heißer Kopf) deutlich. In der Hitze steckt zugleich die Verliebtheit, in der Geste (nach der Kette greifen, diese fallen lassen) die Verunsicherung.
Manchmal hilft es, sich bei den sogenannten Klassikern umzusehen, deren Autoren das meisterhaft beherrschten.
Die leise Intensität: Iwan Turgenjews „Erste Liebe“
Turgenjews Novelle ist ein Meisterwerk der Konzentration. In wenigen Stunden lässt sich die Geschichte eines jungen Mannes verschlingen, der zum ersten Mal die Ekstase (und vor allem die Verzweiflung) der Liebe erfährt.
Die Kunst Turgenjews liegt in seiner radikalen Zurückhaltung. Die Liebe zwischen dem Protagonisten und Sinaida bleibt unausgesprochen. Turgenjew zeigt Emotionen und Konflikte bevorzugt durch Handlung, Körpersprache, Dialog und Atmosphäre. Als Leserin verstehe ich die Verzweiflung des Jungen, weil ich ihn beobachte: wie er im Dunkeln lauert, wie er jedes Wort, jeden Blick zwischen Sinaida und anderen Männern analysiert und wie seine ganze Welt sich auf sie verengt und um sie dreht. Für jedes Lektorat von Romanen wie für jede Schriftstellerin ist dies eine wichtige Erinnerung: Vertraue der Kraft der Szene — nicht der Kraft der Erklärung.
Subtilität in Reinform: Edith Whartons „Das Haus der Freude“
Während Turgenjew auf die reine Szene setzt, ist Edith Whartons Vorgehen in „Das Haus der Freude“ komplexer und vielleicht für heutige Leser anspruchsvoller. Wharton nutzt eine Mischform aus „Show, don’t tell“ und einer tiefen psychologischen Innenperspektive. Doch an der entscheidenden Stelle – der Liebe zwischen der Protagonistin Lily Bart und dem Anwalt Lawrence Selden – weigert sie sich beharrlich, das Offensichtliche auszusprechen.
Wharton konstatiert nicht ein einziges Mal, dass Lily Bart Lawrence Selden liebt, und gerade das macht ihre Darstellung so literarisch kraftvoll. Die Liebe wird durch Verhalten, Atmosphäre, Wortwahl und Symbolik sichtbar. Dies ist ein Paradebeispiel für „Show, don’t tell“ auf höchstem Niveau, auch wenn der Roman durch seine oft langsame, psychologische Erzählweise für manche Leserinnen heutzutage gewöhnungsbedürftig sein mag.
Ich möchte diesen Roman (ebenso wie Turgenjews Novelle) jeder Leserin und jedem Leser, ebenso wie allen Schreibenden ans Herz legen. Er berührt tief und es lässt sich so viel daran lernen:
- Verhalten: Lily und Selden sehen sich selten. Doch wenn sie ihm begegnet, verliert sie ihre perfekte Selbstbeherrschung und sie empfindet ein Gefühl der Leichtigkeit, das sie in ihrer sonst so starren Welt nicht kennt.
- Dialog: Weil sie nicht über ihre Gefühle sprechen können, sprechen sie über alles andere: über Freiheit, Erwartungen, Pflichten. Jedes dieser Themen ist jedoch ein Codewort, ein indirekter Austausch über das, was sie wirklich verbindet und trennt. Diese Gratwanderung zwischen dem Gesagten und dem Nichtgesagten ist das Herzstück ihrer Verbindung.
- Symbolik: Selden ist für Lily mit Licht, Luft und Weite verbunden. Seine schlichte, aber freie Wohnung ist ein Gegenpol zur engen, materialistischen und erstickenden Gesellschaft, in der sie gefangen ist. Wenn Lily sagt, sie wolle „Freiheit“, meint sie im Grunde, dass sie bei ihm sie selbst sein möchte.
Die Lektion für deinen Roman
Für dich als Schriftstellerin (und für meine Arbeit als Lektorin für Liebesromane) bedeutet es, dass die stärksten emotionalen Momente oft in den Worten liegt, die nicht gesagt werden, und in den Handlungen, die gerade verraten, was der Mund verschweigt.
Wenn du deinen nächsten Roman schreiben willst, frage dich also:
Was tut sie, wenn sie ihn liebt, aber es nicht zeigen darf?
- Wie verändert sich ihre Atmung, ihr Herzschlag?
- Was nimmt sie wahr?
- Welchem Thema weicht sie aus?
- Welches Symbol wird in diesem Moment wichtig?
Als Lektorin für Romane ist es meine Aufgabe, genau diese Momente zu erkennen und zu schärfen. Es geht darum, die Sätze zu finden, die zu viel verraten, und sie durch Gesten zu ersetzen. Es geht darum, die Kraft des Unausgesprochenen zu nutzen, damit die Geschichte nicht nur gelesen, sondern gefühlt werden kann.
