Warnsignale im Manuskript – wie du sie selbst entdeckst. Und wie ein professionelles Romanlektorat Klarheit schafft
Untertitel:

Dein Roman ist fertig? Herzlichen Glückwunsch 🙂
Sicher bist du stolz.
Aber vielleicht hast du auch Zweifel. Vielleicht fragst du dich, ob der Roman auch unvoreingenommene Leser so fesseln kann wie dich. Vielleicht liest du einzelne Szenen und findest sie gelungen — und vielleicht hast du trotz allem das Gefühl, dass die Geschichte als ganze noch nicht trägt oder dass sie strukturelle Schwächen hast, die du nicht greifen und nicht benennen kannst.
Das ist kein Wunder. Und wohl jeder, der schreibt, kennt diese Situation. Denn wie soll man nach monate- oder jahrelanger Arbeit am Text noch erkennen, ob das Gemeinte bei der Leserin auch genau so ankommt, ob die Figur wirklich so faszinierend ist wie in deinem Kopf und ob die spannenden Stellen, an denen du wieder und wieder gefeilt hast, noch immer Leben atmen.
Es gibt Autoren, die lassen ihre überarbeitete Fassung ein halbes Jahr (oder länger) liegen, um dann mit frischen Blick auf den Text schauen zu können, (fast) als würden sie diesen zum ersten Mal lesen. Eine schlechte Methode ist das nicht. Aber viele Autorinnen wollen nach der oft mühsamen Arbeit, dass ihr „Baby“ endlich das Licht der Welt erblickt. Sie haben keine Geduld dafür, den Roman sechs Monate in der Schublade liegen zu lassen. Sie wollen, dass es weitergeht.
Wenn du an diesem oder einem ähnlichen Punkt bist, so treibt dich vielleicht die Frage an:
Woran erkenne ich, ob mein Roman tatsächlich (nicht) funktioniert?
Um diese zentrale Frage beantworten zu können (die, ob der Roman (nicht) funktioniert), beantworte dir zunächst ehrlich folgende Unterfragen. Nimm dir am besten ein Blatt Papier und formuliere die Antworten aus:
Welches innere und welches äußere Ziel hat mein Protagonist?
Das äußere Ziel ist das, was die Figur sichtbar erreichen will; das kann eine Errungenschaft sein, ein Ereignis, eine Entscheidung, eine Handlung. Das innere Ziel betrifft den emotionalen Mangel der Figur, der am Ende der Geschichte oft „geheilt“ ist. Das kann Anerkennung sein, Sicherheit, Selbstbestimmung oder Zugehörigkeit. Äußeres und inneres Ziel sollten sich gegenseitig beeinflussen. Die Ziele sind der Motor deiner Figur; sie treiben sie an und bringen sie auch meist in unmögliche Situationen.
Welche Entwicklung macht die Hauptfigur durch?
Die Figur am Ende des Romans muss sich in ihrer Haltung, ihren Entscheidungen oder ihrem Selbstverständnis von der Figur am Anfang unterscheiden. Sie hat erkannt, dass ihre anfänglichen Muster sie nicht zum Ziel gebracht haben und muss daher eine Wandlung durchmachen, damit sie erreicht, was sie sich vorgenommen hat.
Was steht für die Hauptfigur auf dem Spiel?
Es muss für die Figur um etwas Entscheidendes gehen; nur so entsteht Spannung. Es muss nicht immer ihr Leben auf dem Spiel stehen; auch wenn „nur“ ihre Beziehung, ihr Selbstbild oder das Leben ihres Haustiers auf dem Spiel steht, kämpft sie damit um etwas Essentielles.
Welche Prämisse liegt dem Roman zugrunde?
Die Prämisse ist die grundlegende Aussage des Romans über das Leben, den Menschen oder die Welt. Sie besteht aus dem inneren Thema, der Lösung und den Konflikten, die sich auf dem Weg zur Letzteren ergeben.
Stell dir eine Geschichte vor, in der die Hauptfigur Angst vor Nähe hat und deshalb keine Beziehung eingehen kann. Ihre Angst oder evtl. ihre Beziehungssehnsucht wäre dann das innere Thema. Die Lösung könnte darin bestehen, dass sie am Ende eine Beziehung eingeht, weil sie sich im Laufe der Geschichte mit ihrer Vergangenheit und einem Trauma kofrontiert, sich also den inneren/äußeren Konflikten gestellt hat, sodas sie ihr Trauma überwinden konnte. Die Prämisse könnte dann lauten:
Die Konfrontation mit der eigenen Angst ermöglicht das Glück einer Liebesbeziehung.
Ein Roman ohne klare Prämisse wirkt oft beliebig, selbst wenn einzelne Szenen gut geschrieben sind.
Funktioniert der Spannungsbogen?
Anhand meines Blogbeitrags zur Storystruktur und mithilfe der dort zur Verfügung gestellten Arbeitsblätter kannst du den Spannungsbogen gut selbst überprüfen.
Wennn das Überarbeiten trotzdem nicht weiterführt und warum eine Lektorin anders liest
Viele Autorinnen versuchen, nicht greifbare Schwächen durch intensives Überarbeiten auszubügeln. Sie formulieren um, kürzen, ergänzen, beginnen neu. Häufig wird dabei jedoch an der Oberfläche gearbeitet, während die eigentlichen strukturellen Probleme nicht angegangen werden.
Eine Lektorin für Romane betrachtet eine Szene (auch) auf ihre Funktion und fragt sich immer wieder: Wozu dient die Szene im Text? Erfüllt sie ihren Zweck?
Eine Szene, die gut geschrieben ist, aber weder die Handlung vorantreibt noch die Figuren charakterisiert oder einen Konflikt schafft, aufgreift oder löst, ist letzten Endes nur Deko, die dem Roman nicht zuträglich ist.
Die Lektorin prüft, ob Figuren aus ihrer inneren Logik heraus handeln, ob Konflikte aufgebaut und eingelöst werden und ob die Prämisse im Verlauf der Geschichte sichtbar wird.
FAQ – für Autorinnen und Autoren
Was ist ein Romanlektorat?
Ein Romanlektorat analysiert dein Manuskript auf Struktur, Figuren, Spannungsbogen, Stil und Sprache. Ziel ist ein klarer, lesefreundlicher Roman.
Wie finde ich die richtige Lektorin für meinen Roman?
Suche nach Erfahrung im Genre, frage nach Empfehlungen, suche im Lektoratsverzeichnis des VFLL, prüfe Probelektorate und achte darauf, dass die Lektorin konkrete Verbesserungsvorschläge bietet.
Welche Fragen sollte ich mir vor einem Lektorat stellen?
Innere und äußere Ziele des Protagonisten, Figurenentwicklung, Spannungsbogen, Prämisse und Szenen, die Leserinnen emotional binden.
Wie verbessert ein Lektorat den Spannungsbogen?
Die Lektorin erkennt, wo Konflikte schwach, Szenen langatmig oder Wendungen vorhersehbar sind, und gibt gezielte Tipps für Steigerung der Spannung.
