Was Erotik-Autorinnen und -Autoren vom Klassiker „Neun Wochen und drei Tage“ lernen können
„Erinnerung an eine Liebeserfahrung“ —mehr als erotische Literatur: ein psychosexuelles Drama
Die erotische Literatur ist ein Genre voller Klischees. Oft schwankt die Literatur zwischen plumper Beschreibung und sentimentalem Kitsch. Elizabeth McNeill hat das mit „Neun Wochen und drei Tage — Erinnerungen an eine Liebeserfahrung“ völlig anders gelöst.
Als Lektorin für erotische Literatur sehe ich in diesem Buch nicht nur einen Klassiker, sondern in mancher Hinsicht fast schon ein Lehrbuch dazu, wie man es auch „ganz anders machen“ kann.
Erschienen 1978 unter dem Pseudonym Elizabeth McNeill, wurde der Roman von Ingeborg Day verfasst, einer gebürtigen Österreicherin, die in die USA auswanderte und 2011 verstarb. Mit „Neun Wochen und drei Tage“ hat sie einen der intensivsten und verstörendsten erotischen Romane überhaupt verfasst — wobei die Frage berechtigt ist, ob es sich im engeren Sinne um Erotik (und nicht viel mehr um ein „psychosexuelles Drama“) handelt.
Denn dieser Roman hat es in sich: Er erzählt aus der Ich-Perspektive die Erlebnisse einer erfolgreichen und durchaus emanzipierten Frau, die sich in eine Beziehung begibt, die zunehmend von ihrer sexuellen Unterwerfung, von Demütigungen durch ihren Liebhaber, der ihr zudem Schmerzen zufügt, geprägt ist. Die psychologischen Auswirkungen dieser Erfahrung stehen dabei ebenso im Zentrum wie einzelne einschneidende sexuelle Ereignisse, die die Protagonistin Kontrolle über Körper und Geist verlieren lassen und zu einer zunehmenden Selbstaufgabe führen. Die Frage steht hier im Raum, wo Erotik aufhört und wo psychologischer Extremzustand beginnt.
Ein Schlüssel zur Faszination, die vom diesem Text ausgeht, liegt in der Art und Weise, wie die Erzählerin den Körper von sich selbst abspaltet:
Mein Körper hatte nichts mit mir zu tun. Er war ein Köder, ein Mittel — so zu benutzen, wie er es entschied, mit dem Ziel, uns beide zu erregen.“Elizabeth McNeill: Neun Wochen und drei Tage
Elizabeht McNeill: Neun Wochen und drei Tage
Die größte Lektion: die Kraft der Nüchternheit
Was können Autorinnen und Autoren aus diesem Buch für ihr eigenes Schreiben mitnehmen?
1. Distanz schafft Intensität: Dies ist ein ungewöhnlicher Tipp. Er widerspricht dem Rat, den ich üblicherweise gebe. Der lautet: Schaffe Nähe, Unmittlbarkeit! Werde zu deiner Figur, damit du deine Leserinnen in den Text hineinziehst und die Figur für sie spürbar machst.
Elizabeth McNeill zeigt, dass auch der gegensätzliche Weg funktionieren kann — wenn man das Stilmittel der Distanz einzusetzen weiß.
Als der Liebhaber relativ am Anfang des Romans noch im Laden eine Reitpeitsche an der Protagonistin „ausprobiert“, liegt die Radikalität fast weniger in der Handlung selbst, sondern in der kühlen, neutralen Darstellung durch die Erzählerin. Sie beschreibt nicht den Schmerz oder die Demütigung, als die Peitsche ihren Schenkel trifft, sondern konstatiert beides als Reaktion ihres Körpers:
Der sengende Schmerz ist ein unlösbarer Teil einer Woge von Erregung, die mir den Atem nimmt und mich stumm und bewegungslos macht; jede Zelle meins Körpers ist von Lust überschwemmt.
Sie tut hier genau das, wovon ich sonst abrate: Sie ordnet die Reaktion ihres Körpers ein, erklärt sie, statt sie zu zeigen. Doch dabei kontrastiert sie ihre Aussagen mit den äußeren Umständen, dem Handeln ihres Liebhabers und dem Schock der Angestellten, den sie anhand von deren Verhalten und der körperlichen Reaktion (Erstarren; sich ausbreitende Röte) zeigt:
Es ist still in dem kleinen, verstaubten Raum. […] Er glättet langsam meinen Rock und wendet sich an den älteren, korrekt gekleideten Mann, der nach wie vor wie ein Buchhalter aussieht, obwohl sich dunkle Röte auf seinem Hals und in seinem Gesicht ausbreitet. „Das wird schon die richtige sein.“
Es ist diese Mischung aus Analyse der eigenen körperlichen Reaktion auf der einen Seite und erzählerischer Darstellung des äußerlich Wahrnehmbaren auf der anderen, die hier eine Distanz erzeugt, die ob der Unglaublichkeit der Situation (selbst heute, in einer Zeit, in der es kaum noch Tabus gibt) schockiert.
Die Lektion, die sich daraus mitnehmen lässt: Oft glauben Autorinnen von erotischer Literatur, sie müssten alles ausschmücken, um erregend zu wirken. Elizabeth McNeill zeigt, wie wirksam das Gegenteil sein kann: Gerade weil sie die physische Reaktion so nüchtern und präzise beschreibt, wird die innere Erfahrung für den Leser umso intensiver. Es ist ein Vorgehen, das mit erstaunlicher Sicherheit funktioniert: Die Distanz der Erzählerin bringt den Leser dazu, die emotionale und physische Kraft der Situation selbst auf sich zu nehmen. Daher ist dieses Vorgehen so viel wirkungsvoller als jede detaillierte Beschreibung.
Ein Lektorat mit Fokus auf Erotik hilft dir, deinem Roman mehr psychologische Tiefe zu verleihen. Der Roman „Neun Wochen und drei Tage“ wurde mit Mickey Rourke und Kim Basinger verfilmt und kam 1986 in die Kinos. (Bild von Claire Rye auf Pixabay)
2. Erklären, nicht fühlen: Elizabeth McNeill baut Filter ein, indem sie ihre Protagonistin sich selbst beobachten lässt. Es ist, als würde sie einen Film über sich selbst anschauen. Auch davon würde ich unter „normalen Umständen“ abraten. Doch die Autorin beherrscht das meisterhaft: Diese Abspaltung des Ich (das erzählt) vom Selbst (das erlebt und fühlt) erzeugt gerade die Spannung, die den Roman ausmacht.
Die Lektion, die wir daraus mitnehmen können: Anstatt deine Figur fühlen zu lassen, lass sie beschreiben, was sie fühlt,als wäre sie ein fremder Beobachter. Das kann wie im Beispiel gehörige psychologische Tiefe erzeugen, die wiederum für ein besonders intensive Leseerfahrung sorgt.
Die vorgestellten Techniken lassen sich üben und anwenden. Ein professionelles Erotiklektorat für deinen Roman kann dir helfen, solche Mechanismen in deinem Text ebenso zu schärfen wie deine Perspektive, die Figuren in sich kongruent zu gestalten und den Spannungsbogen zu gewährleisten.